Erzähl‘ doch mal: Ismail Davul

Ismail

Ismail Davul ist der Leiter unserer Kinder- und Jugendarbeit. Er stammt aus Tokacli Köyü, einem Dorf im Süden der Türkei nahe der Grenze zu Syrien. Im Februar stellte er sich in einem Online-Interview den Fragen von Hanna Schiweck und Ronny Geißler.


Ismail, erzähl’ doch mal, wie Du eigentlich zum Verein gekommen bist.

Ich bin als Student zum Verein gekommen. Ich war im zweiten Jahr des Studiums Sozialpädagogik an der TU Dresden, wo wir im Rahmen des Diplomstudiums ein Grundpraktikum machen sollten. Da ich mich schon im Rahmen des Studiums mit dem Thema „Migration“ grob beschäftigt hatte und selber auch ein migrierter Student war, hat mich das Thema beschäftigt. Durch einige Seminare hatte ich schon das Interesse daran gehabt, mich in dem Bereich weiter zu vertiefen. So habe ich einfach mal online recherchiert, wo man ein Praktikum zum Bereich „Migration“ machen könnte und bin da nur auf zwei oder drei Möglichkeiten gestoßen, unter anderem beim Jugendmigrationsdienst, beim Ausländerrat Dresden e.V. und Ausländerbehörde. Sonderlich viel Möglichkeiten gab es damals noch nicht zu diesem Themenbereich in Dresden. So bin ich auf die Beratungsstelle des Vereins gestoßen, damals hat da noch Henriette „Jette“ Hanig gearbeitet. Bei ihr war ich zum Vorstellungsgespräch, es war sehr nettes Gespräch und sie war sehr offen. Ich hatte ja damals einen gewissen Respekt vor dieser Sache: es war meine erste offizielle Sache während des Studiums, meine Sprachkenntnisse waren noch nicht so gut wie heute. Jette hatte mir gleich zugesagt, und so konnte ich im Sommer 2008 mit meinem Grundpraktikum hier anfangen.

Ich habe dann gleich bei Jette einen Platz bekommen und konnte auch peu au peu mit beraten, meine Sprachkenntnisse in Arabisch und Türkisch waren da sehr hilfreich. Manchmal habe ich auch bei Asad (Mamedow, heute Leiter der Beratungsstelle) und Hanna Stoll (heute im verdienten Ruhestand) ausgeholfen, die mich immer mit in ihre Arbeit eingebunden haben. Damals gab es noch den Club Oase, wo ich auch einmal türkisch gekocht habe. Im Großen und Ganzen hatte ich nachmittags häufig Zeit, wo ich dann in der Kinder- und Jugendarbeit gelandet bin – damals betreut von drei Personen: Markus (Degenkolb, heute Geschäftsführer des Vereins), Marianne Berndt (damals Leiterin der Kinder- und Jugendarbeit) und Ruben Metzke. Es gab mehrere Treffs, in deren Rahmen wir Kinder und Jugendliche aus den Übergangswohnheimen aus der Johannstadt und der Neustadt abgeholt haben. Wir haben dann immer etwas Schönes unternommen, entweder ins Schwimmbad gegangen, in die Kletterhalle gegangen, die Feuerwehr besucht. Im IBZ habe ich im Rahmen des Jugendtreffs immer versucht, die Arbeit zu unterstützen, habe aber auch immer mit gekickert oder Billard gespielt – das war eine schöne Zeit. Und so hatte ich Fuß gefasst in der Kinder- und Jugendarbeit. Nach zwei Monaten war mein Praktikum offiziell zu Ende, aber ich bin weiter in der Kinder- und Jugendarbeit als Ehrenamtlicher geblieben, habe u.a. immer montags im Kindertreff oder donnerstags im Jugendtreff mitgeholfen oder beim Sommerfest, Weihnachtsfeier oder bei Ausflügen. Das war auch für mein Studium hilfreich – die Sprache zu üben und mit den Kollegen in Kontakt zu bleiben. Daneben habe ich auch in der Beratungsstelle punktuell mit Übersetzungen weitergeholfen oder manchmal Begleitungen übernommen und so bin ich nie von dem Verein weggekommen.


Club Oase des Ausländerrates

„Club Oase“ und der Jugendkeller: Ismails erste Wirkungsstätten im Verein…

Der alte Jugendkeller im Ausländerrat Dresden e.V.

Eines Tages fragten mich Markus und Sebastian (Vogel, ehem. Mitglied im Vorstand), ob ich Lust hätte, mit im Vorstand mitzumachen. Ich dachte warum nicht, als junger Student hatte ich noch Zeit (lacht) und so bin ich dann für zwei Wahlperioden im Vorstand gelandet. Anfangs war vieles für mich neu, ich musste mir viel Wissen aneignen und in viele Prozesse erst einmal reinhorchen, aber es war im Großen und Ganzen eine gute Zeit, wo ich bei vielen Sachen mithelfen konnte, Präsenz für den Verein zeigen und mich gut vernetzen konnte.

Irgendwann einmal war ich fertig mit meiner Diplomarbeit und nur noch ein, zwei mündliche Prüfungen vor mir, als ich mich mit Markus (Degenkolb) zusammensetzte und wir gemeinsam überlegten, ein Projekt für den Bereich „Hilfen zur Erziehung“ (HZE) anzuschieben, für das ich dann im Verein arbeiten könnte. Wir hatten angefangen, dafür schon ein Konzept vorzubereiten, als Markus kurz danach anrief und sagte „Vergiss alles, es gibt ein neues Projekt, die Bildungspatenschaften. Da gibt es nach vielen Jahren Kampf die Möglichkeit einer Förderung – hättest Du Lust, gemeinsam mit der Antje (Großmann) das zu koordinieren und durchzuführen?“. Ich habe mich einerseits riesig gefreut, andererseits als Berufsanfänger hatte ich großen Respekt vor dieser Sache. So bin ich dann aber zu meiner Stelle gekommen im Ausländerrat, wo ich mich noch nicht einmal bewerben musste (lacht)… Somit habe ich dann ab 1.10.2013 im Verein zu arbeiten begonnen, war circa zweieinhalb Jahre bei den Bildungspatenschaften, bis ich in den Bereich der Kinder- Jugend- und Familienarbeit (KiJu) gewechselt bin. Hier habe ich die Spielplatzbetreuungen und den Jugendtreff betreut und später gemeinsam mit Robert (Zeißig) noch den Vätertreff konzipiert und gestartet. Dann haben wir uns um das Projekt MOBA beworben, das wir gewinnen konnten und das ich geleitet hatte. Als Robert dann vorletztes Jahr in die Kita wechselte, habe ich dann auch die Bereichsleitung der Kinder-, Jugend- und Familienarbeit bekommen. Wir haben jetzt hier ein schönes Team mit mehreren Kolleginnen und Kollegen, mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Angeboten und da bin ich der Ansprechpartner, der Struktur in die Arbeit bringt. Ich kümmere mich um Geldgeber, Anträge, Kollegenwechsel, Absprachen mit der Geschäftsführung etc.


Wie genau nennt sich eigentlich Dein Abschluss?

Ich bin Diplom-Pädagoge. Das Studium hieß „Studiengang Erziehungswissenschaften mit der Studienrichtung Sozialpädagogik, Soziale Arbeit und Wohlfahrtswissenschaften“. Nach erfolgreichem Abschluss bekommt man den akademischen Grad „Diplom-Pädagoge“ verliehen. Damals gab es diesen Abschluss noch als Diplom an der TU Dresden.

Du hast an der TU studiert? Die meisten Leute im Verein mit dieser Richtung kommen eigentlich von der EHS…

Genau, an der TU. Ich habe mich schon viel konzentriert auf das Thema Migration, anfangs war da nicht so viel möglich doch mit der Zeit hat sich doch einiges bewegt, so gab immer mal wieder neue Dozenten, die in dem Bereich angeboten hatten, z.B. Blockseminare am Wochenende, was mich auch gefreut hat, dass das Thema präsenter wurde… …was ja auch eine Entwicklung darstellt, die sich an der Bevölkerungsentwicklung orientiert.


Teilen mittlerweile (fast) alles: Ismail und Robert.

Ismail und Robert beim Mundraub

Wie bist Du überhaupt auf Dresden gekommen als Ort des Studiums?

Zufall (lacht). Meine Schwester lebte hier und ich bin zu ihr gekommen, nachdem ich merkte, dass ich in der Türkei nicht unbedingt studieren will. Ich hatte da auch keine große Auswahl; man mußte da eine Art Aufnahmeprüfung absolvieren und herausfinden, was Deiner Fachrichtung entspricht; meine Richtung wäre Türkische Sprache und Literaturwissenschaften entsprochen – das war nicht unbedingt das, was ich machen wollte. Ich habe auch dort noch ein halbes Jahr die Uni besucht und irgendwann gemerkt, dass der Bereich nichts für mich ist. Da aber in der Türkei diese Aufnahmeprüfungen nur einmal im Jahr stattfinden und sehr schwer und selektiv sind und man sich sehr vorbereiten muss, hatte ich keine Lust, das noch einmal zu probieren.

Da meine Schwester mit Ehemann und Tochter schon in Dresden lebte, fragte sie mich, ob ich nicht Lust hätte, hier mein Glück zu versuchen; die beiden hatten dann für mich gebürgt, damit ich ein Visum bekommen kann und so bin ich nach Dresden gekommen.

Und war Dein Plan gewesen, nach dem Abschluss hier zu leben und zu arbeiten oder hättest Du gesagt: kann ich auch irgendwo anderswo machen?

Also ich habe schon geschaut, was ich in der Türkei benutzen kann, falls ich zurückgekehrt wäre. In der Türkei gibt es nicht direkt den Studiengang Pädagogik, da ist das eher ein Unterpunkt von Psychologie. In der Türkei ist die Psychologie auch eher ein humanwissenschaftlicher Bereich und nicht wie hier ein naturwissenschaftlicher Bereich. Das wäre schon mein Ziel gewesen, in dieser Richtung zu studieren.

Zum Glück hatte ich beim Akademischen Auslandsamt eine sehr fitte Person, die wusste, wie das Studiumsystem in der Türkei funktioniert und auch mich verstanden hat und die mir dann sagte: was sie studieren möchten, heißt hier Soziale Arbeit/Sozialpädagogik und so bin ich dann zu dem Studium gekommen. Dafür habe ich mich dann eingeschrieben, musste dann erst einmal sieben Monate Sprachkurs absolvieren. Als ich Status C1 erreicht hatte, habe ich mich für das Studienkolleg Sachsen der Uni Leipzig beworben. Das musste ich machen, weil es damals in der Türkei nur elf Jahre Schule gab (mittlerweile sind das auch zwölf Jahre) und dafür musste ich eine Art Ausgleichsjahr absolvieren und das war mittels Studienkolleg möglich, was damals nur in Leipzig ging.

Nach einem Jahr habe ich dort eine Abschlussnote bekommen, die quasi meine Abinote war und mit der ich mich an mehreren Unis bewerben konnte. Da meine Schwester und einige Bekannte in Dresden wohnten, habe ich mich relativ schnell für Dresden entschieden und so zum Studium Soziale Arbeit/Sozialpädagogik gekommen.

Ein großer Bogen… Du bist ja jetzt Dresdner, wohnst im Süden der Stadt… was treibst Du eigentlich in Deiner Freizeit?

Ja, ich wohne in Zschertnitz mit Blick über die Stadt. In der Freizeit treffe ich mich relativ viel mit Freunden, nur das geht ja derzeit nicht wegen Corona. Ansonsten besuche ich gern meine Geschwister und Freunde auch außerhalb Dresdens. Mir fehlt halt etwas das Familiäre, daher versuche ich das, mit anderen Kontakten abzudecken… Ansonsten guck’ ich gerne Serien (lacht), es gibt Tage, wo ich von früh bis abends vorm Fernseher liege und Netflix gucke.


Ismail beim Fotoshooting

Was für eine Leuchte: Ismail unterstützt den Fotografen beim Fotoshooting für seine Jugendprojekte im IBZ. Die Fotos sind die besten seiner Karriere geworden, sagt er heute noch…


Du hast ja jetzt eine Menge in der Kiju aufgebaut… was wären denn noch Projekte, die Du künftig gern realisieren würdest? Wo siehst Du Bedarfe, die noch nicht gedeckt sind?

Was man auf jeden Fall noch gut ausbauen kann, ist der Bereich Arbeit mit Vätern. Wir sehen da ein großes Potential und würden gern Experten zu verschiedenen Themenbereichen einladen: Erziehung, Job, Kita- und Schulsystem, da kann man viel machen. Was auch ausbaufähig ist, sind die Vater-Kind-Aktivitäten, wo wir den Vätern mehr Beteiligungsmöglichkeiten anbieten können – mehr Empowerment, dass sie selbständig Dinge auch erledigen können. Was komplett neu sein könnte für unseren Verein – und auch häufig von anderen Trägern angefragt wird – ist geschlechtshomogene Arbeit mit Jungen und jungen Männern. Das ist eine Zielgruppe, die bisschen vergessen wird und leider auch stigmatisiert wird als eine schwierige Zielgruppe, meistens in Verbindung mit Gewalt gebracht wird, was eigentlich gar nicht stimmt. Deutsche Jungs sind teilweise genauso gewaltbereit oder drogenaffin, das kann man nicht auf migrantische Jungs schieben. Da wäre auf jeden Fall eine Möglichkeit, in der Richtung etwas zu machen. Das hängt natürlich immer von der Förderung ab…

Was ist das überhaupt für eine Klientel z.B. im Vätertreff?

Aktuell haben wir ausschließlich Geflüchtete bzw. anerkannte Geflüchtete im Vätertreff.

Was ist das Ziel?

Das Ziel ist, dass die Väter ihr Leben selber gestalten können und z. B. nicht für jeden Brief oder Email vom Jugendamt, Kita oder Schule erst zu uns kommen zu müssen; dass sie selber diese Sachen verstehen und darauf reagieren können – das ist der erste Schritt. Langfristig sollen sie sehen können, zu einer Normalität zurückkehren zu können, ihr Leben und ihre Familie zu planen. Und nicht immerzu dieses Migrant-Dasein gefühlt mitschleppen zu müssen. Oder halt schon die Angst zu haben, auf der Straße angesprochen zu werden und das nicht richtig zu verstehen und richtig reagieren zu können. Das begleitet vor allem Migranten sehr stark, besonders wenn Sprachkenntnisse und eine gewisse Erfahrung fehlen. Dadurch bleibt eine gewisse Unsicherheit, die die Menschen durchgehend begleitet. Das kenne ich auch von mir damals, als ich neu nach Dresden, nach Deutschland kam, habe ich immer gehofft, dass mich niemand anspricht; in der Straßenbahn habe ich mich z.B. nicht hingesetzt, damit niemand sagt „Lassen sie mich raus“ oder so etwas. Man entwickelt sich halt Strategien, nicht unbedingt sprechen zu müssen. Und dieses Gefühl, da bin ich mir ziemlich sicher, begleitet auch viele Migranten, viele Geflüchtete.


Ismail mittendrin im Vätertreff beim Besuch des Dresdner Zoos.

Vätertreff im Ausländerrat Dresden e.V.

Wie viele Leute betreut Ihr?

Wenn wir normal geöffnet haben – also ohne Corona-Auflagen – sind wir ca. 17 bis 21 Väter pro Treff, manche alleinerziehende Väter bringen dann auch ihre Kinder mit. Beim Jugendtreff schwanken die Zahlen: je nach Jahreszeit fünf bis sechs, bei größeren Treffen fünfzehn, sechzehn Jugendliche – je nach dem Thema, was wir anbieten. Bei speziellen Ereignissen wie Xbox- oder Fußballturnier oder Pizzabacken wird die Gruppe größer oder in Ferienaktionen. Eigentlich hätten wir jetzt wieder eine Winterferienaktion gestartet, u.a. mit Eislaufen im Ostragehege, da waren auch schon bis zu 25 Jugendliche da. Wir arbeiten da auch eng mit Schulen und DaZ-Klassen zusammen, die schicken auch immer Jugendliche zu uns. Leider findet das alles gerade nicht statt wegen Corona…


Der Vätertreff des Ausländerrates zu Besuch an der Berliner Mauer

Mit dem Vätertreff zu Besuch an der Berliner Mauer.


Was wünschst Du Dir beruflich, persönlich?

Ich wünsche mir, dass ich mich weiter entwickeln kann, sowohl als Sozialpädagoge als auch als Bereichsleiter – da lernt man nie aus. Unser Verein und unsere Förderung gibt das glücklicherweise auch her. Ansonsten wünsche ich mir nach wie vor ein gutes, stabiles Team und vielleicht auch irgendwann einmal eine sichere Finanzierung, dass man nicht wie jetzt spätestens alle zwei Jahre an eine Finanzierung denken muss. Das würde bei der langfristigen Planung und Projektentwicklung sehr hilfreich sein. Und ich wünsche mir viele neue Projekte, neue Ideen für die Arbeit, wo ich und meine Kollegen lernen und sich weiter entwickeln können. Eine Langfristigkeit, eine Verlässlichkeit und eine Sicherheit wären für alle nicht schlecht.

Ismail, vielen Dank für Deine Standhaftigkeit in unserem Fragenhagel und viel Erfolg für Dich und Deine künftigen Projekte!